Gudrun Pausewang
Personenfoto: Gudrun Pausewang

geboren 1928 in Wichstadtl (Ostböhmen) als Ältestes von sechs Kindern. Nach der Flucht nach Westdeutschland und einem Studium am pädagogischen Institut in Weilburg an der Lahn arbeitete sie bis zu ihrer Pensionierung 1989 als Grund- und Hauptschullehrerin in Deutschland, Chile, Venezuela und Kolumbien. Aus eigener Erfahrung und Betroffenheit schöpfend begann sie ab 1958 zu schreiben – zunächst für Erwachsene – und engagiert sich in ihren über 100 Büchern für den Frieden, die Umwelt und soziale Gerechtigkeit. Ein wichtiges Thema ist ihr die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Dritten Reich. Sie promovierte 1998 am Institut für Jugendbuchforschung in Frankfurt. Für ihr literarisches Werk wurde sie vielfach ausgezeichnet, 1988 unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis für Die Wolke.

„Ich nehme meine Leser ernst. Und ich nehme die Demokratie ernst.“[1]
Gudrun Pausewangs umfangreiches, vielfältiges und oft politisch engagiertes Werk ist das einer von Beginn an für ihre überzeugungen einstehenden Autorin. Nach literarischen Anfängen in den späten 1950er Jahren, die sich noch ausschließlich an Erwachsene richteten, wandte sie sich mit dem Märchen Hinterm Haus der Wassermann (1972) zunehmend der Kinder- und Jugendliteratur zu. In ihren Büchern setzt sie sich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder von Neuem mit für sie wichtigen Themen auseinander: „Nie wieder Krieg. Nie wieder Diktatur. Elend in Südamerika. Schutz unserer Natur.“[2]  – Mit diesen Worten fasst sie zusammen, was sie als Schriftstellerin bis heute antreibt: Verantwortung für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Bekannt geworden ist Gudrun Pausewang vor allem durch ihre Texte, in denen sie sich gegen ökologische Bedrohungen einsetzt und vor den Gefahren der Kernenergie und den möglichen Folgen eines Nuklearkrieges warnt. Besonders hervorzuheben ist dabei ihr erfolgreichstes und wirkungsvollstes Buch Die Wolke (1987), übersetzt in 16 Sprachen und weltweit rezipiert. Dieser Jugendroman wirkt literarisch auch deshalb so überzeugend, weil Gudrun Pausewang darin eine Blase der Zerstörung mit einer noch so gut wie unversehrten Umgebung konfrontiert und auf diese Weise verschiedene Erfahrungshorizonte und Lebenswelten aufeinanderprallen lässt. Eine solche Herangehensweise zeigt sich auch immer wieder in ihren Erzählungen mit lateinamerikanischen Schauplätzen, in denen sie auf soziale Ungerechtigkeiten und eingeschränkte Chancen von Kindern und Jugendlichen der Unterschicht hinweist, etwa in Das Tor zum Garten der Zambranos (1988). Positive Gegenentwürfe zu diesen kritisch-engagierten Texten gelingen ihr mit Erzählungen für jüngere Leser, die sich gegen soziale Vorurteile und gegen Rassismus wenden wie zuletzt Der rote Wassermann (2015).
Schlüsselthema für das Schaffen Gudrun Pausewangs ist ihre Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus, die sie als Kind und Jugendliche selbst miterlebt hat. Während sie die völkisch-nationale Erziehung in ihrer Familie zunächst sehr positiv erlebt hatte und sie ihre ursprüngliche Begeisterung für Hitler auch nicht leugnet, wandelt sie sich durch die Erfahrungen von Flucht und Nachkriegszeit zu einer Kämpferin für Frieden und Freiheit, gegen totalitäre Ideologien und autoritäre Herrschaft jeglicher Form.
Die Aufarbeitung jener Zeit hat einige ihrer eindrucksvollsten Bücher hervorgebracht. Ihre eigene Familiengeschichte hat sie in den ersten beiden Bänden der Rosinkawiese-Trilogie (1980/1990) detailliert nachgezeichnet. In Reise im August (1992) schildert sie aus der Sicht des elfjährigen jüdischen Mädchens Alice die Fahrt eines Zugwaggons nach Auschwitz und den Gang in die Gaskammer. Auf engstem Raum erlebt die Protagonistin mit, wie sich die Spielregeln des ihr vertrauten bürgerlichen Lebens und der Zivilisation Schritt für Schritt auflösen. Auch im kleineren Format glücken Gudrun Pausewang literarisch überzeugende Texte, wie in dem Kurzgeschichtenband Ich war dabei. Geschichten gegen das Vergessen (2004), der zeigt, wie sehr sich die menschenverachtende NS-Ideologie in den Köpfen der Menschen breit gemacht hat. Selbst in einem späten Werk wie Der einhändige Briefträger oder ein Herbst, ein Winter, ein Frühling (2015) findet Gudrun Pausewang in Gestalt des 17-jährigen Briefträgers Johann eine ungewöhnliche Perspektive, um von der alltäglichen Verzweiflung und dem Schrecken, aber auch dem Hoffnungsfunken der letzten Kriegsmonate zu erzählen. Diese Vergangenheit darf und soll nicht fern bleiben, sondern gegenwärtiges und zukünftiges Handeln leiten. Entsprechend finden die Geschehnisse der NS-Zeit auch Eingang in den dystopischen Jugendroman Der Schlund (1993), in dem Gudrun Pausewang ein beklemmendes Szenario vom politischen Erstarken einer rechten Partei in Deutschland entwirft.
Ein dauerhaft glückliches Ende kann Gudrun Pausewang ihren Figuren nicht garantieren: In vielen ihrer Werke schreibt sie fern jeder harmonisierenden Beschwichtigungspädagogik. Aber wer Kindern und Jugendlichen historische Wahrheiten und Zukunftsgefahren nicht vorenthält, spricht auf Augenhöhe zu ihnen. Diesen Anspruch hat Gudrun Pausewang schon früh, vor ihrer Karriere als Autorin, formuliert: „Wenn ich später einmal Schriftstellerin werde, will ich meine Leser ernst nehmen – egal, wie alt sie sind.“[3] Dieses Versprechen hat sie in ihrem Schreiben immer wieder aufs Neue eingelöst und damit Generationen von Autorinnen und Autoren beeinflusst – und unzählige junge Leserinnen und Leser darin bestärkt, aktiv die Zukunft mitzugestalten, für Frieden, Freiheit und Toleranz einzustehen und für eine lebendige Demokratie zu kämpfen.
Aus diesen Gründen sprechen wir Gudrun Pausewang für ihr Gesamtwerk den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises 2017 zu und gratulieren ihr dazu von ganzem Herzen!

Sonderpreisjury 2017
Dr. Gundula Engelhard
Dr. Cornelia Rémi
Ralf Schweikart (Vorsitzender)
 
 
[1] Pausewang, Gudrun: „Solange ich lebe, werde ich warnen“. Auf: Spiegel online vom 17. März 2011 (online unter: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/die-wolke-autorin-pausewang-solange-ich-lebe-werde-ich-warnen-a-751287.html)
[2] Ebda.
[3] Fink, Pierre-Christian: „Jugendbücher ohne heile Welt. Pausewang wird 80.“ Auf: n-tv.de vom 3. März 2008 (online unter: http://www.n-tv.de/leute/Pausewang-wird-80-article252966.html)
Auszeichnung des Jugendliteraturpreises

Bücher

Bibliografie / Übersetzungen

Hinterm Haus der Wassermann. Mit Holzschnitten von Johannes Grüger. Düsseldorf: Schwann Verlag 1972.
Und dann kommt Emilio. Illustriert von Friedrich Kohlsaat. Ravensburg: Ravensburger 1974.
Kunibert und Killewamba. Illustriert von Friedrich Kohlsaat. Ravensburg: Ravensburger 1976.
Die Not der Familie Caldera. Illustriert von Hilke Peters. Ravensburg: Ravensburger 1977.
Auf einem langen Weg. Illustriert von Hilke Peters. Ravensburg: Ravensburger 1978.
Der Streik der Dienstmädchen. Ravensburg: Ravensburger 1979.
Rosinkawiese. Ravensburg: Ravensburger 1980.
Ich habe Hunger, ich habe Durst. Ravensburg: Ravensburger 1981.
Die Prinzessin springt ins Heu. Illustriert von Angelika Schuberg. Modautal-Neunkirchen: Anrich 1982.
Frieden kommt nicht von allein. Ravensburg: Ravensburger 1982.
Steckenbein und Steckenbeinchen. Illustriert von Monika Laimgruber. Zürich: Benziger 1982.
Die letzten Kinder von Schewenborn. Ravensburg: Ravensburger 1983.
Wer hat Angst vor Räuber Grapsch? Illustriert von Rolf Rettich. Ravensburg: Ravensburger 1984.
Etwas läßt sich doch bewirken. Ravensburg: Ravensburger 1984.
Alle sollen leben. Hannover: Schroedel 1985.
Das Sonnenfest. Illustriert von Inge Steineke. Köln: Middelhauve 1985.
Ein wilder Winter für Räuber Grapsch. Ravensburg: Ravensburger 1986.
Guten Tag, lieber Feind! Illustriert von Inge Steineke. Köln: Middelhauve 1986.
Ich hab einen Freund in Leningrad. Ravensburg: Ravensburger 1986.
Die Schule der glücklichen Kinder. Illustriert von Inge Steineke. Köln: Middelhauve 1987.
Die Wolke. Ravensburg: Ravensburger 1987.
Ein Eigenheim für Räuber Grapsch. Ravensburg: Ravensburger 1987.
Ich gebe nicht auf. Baden-Baden: Signal-Verlag 1987.
Das Tor zum Garten der Zambranos. Ravensburg: Ravensburger 1988.
Der Großvater im Bollerwagen. Illustriert von Inge Steineke. Zürich: Nagel & Kimche 1988.
Die Kinder in der Erde. Illustriert von Annegret Fuchshuber. Ravensburg: Ravensburger 1988.
Kreuz und quer übers Meer. Illustriert von Sabine Lohf. Ravensburg: Ravensburger 1988.
Die Koselmühle. Illustriert von Heinrich Euler. Düsseldorf: Patmos 1989.
Fern von der Rosinkawiese. Ravensburg: Ravensburger 1989.
Triller im Truseltal. Illustriert von Inge Steineke. Stuttgart: Thienemann 1989.
Zwei hungrige Freunde. Illustriert von Inge Steineke. Zürich: Nagel & Kimche 1989.
Geliebte Rosinkawiese. Ravensburg: Ravensburger 1990.
Kreuzweg für die Schöpfung. Baden-Baden: Signal-Verlag 1990.
Es ist doch alles grün. Illustriert von Marion Thomas. Ravensburg: Ravensburger 1991.
Wetten, daß Goethe den Wahnsinn verböte. Ravensburg: Ravensburger 1992.
Reise im August. Ravensburg: Ravensburger 1992.
Das Ei auf Feuerland. Illustriert von Markus Grolik. Ravensburg: Ravensburger 1993.
Der Schlund. Ravensburg: Ravensburger 1993.
Die Kinder in den Bäumen. Illustriert von Inge Steineke. Zürich: Nagel & Kimche 1994.
Die Seejungfrau in der Sardinenbüchse. Illustriert von Markus Grolik. Zürich: Nagel & Kimche 1995.
Der Weihnachtsmann im Kittchen. Illustriert von Markus Grolik. Ravensburg: Ravensburger 1995.
Die Verräterin. Ravensburg: Ravensburger 1995.
König Midas mit den Eselsohren. Illustriert von Inge Steineke. Freiburg: Herder 1995.
Einfach abhauen. Zürich: Nagel & Kimche 1996.
Adi, Jugend eines Diktators. Ravensburg: Ravensburger 1997.
Ich geb dir noch eine Chance, Gott! Illustriert von Uschi Schneider. Ravensburg: Ravensburger 1997.
Hörst du den Fluss, Elin? Zürich: Nagel & Kimche 1998.
Warum eigentlich nicht. Ravensburg: Ravensburger 1998.
Was wisst ihr denn von mir? Illustriert von Markus Grolik. Offenbach: Burckhardthaus-Laetare-Verlag 1998.
Barfuß durch die große Stadt. Illustriert von Verena Ballhaus. Zürich: Nagel & Kimche 1999.
Roller und Rosenkranz. Aarau: Sauerländer 2000.
Du darfst nicht schreien. Ravensburg: Ravensburger 2000.
Macht euch euren Krieg allein! Illustriert von Felix Scheinberger. Ravensburg: Ravensburger 2000.
Oma, wie war Weihnachten früher? Illustriert von Dorothea Desmarowitz. Lahr: Kaufmann 2001.
Onkel Hugo und der Zauberer. Düsseldorf: Patmos 2002.
Dort, wo zwei Monde scheinen. Illustriert von Markus Grolik. Ravensburg: Ravensburger 2002.
Der Spinatvampir. Illustriert von Markus Grolik. Düsseldorf: Sauerländer 2003.
Und was mach ich? Oder der Traum vom Fliegen. Ravensburg: Ravensburger 2003.
Ich war dabei. Geschichten gegen das Vergessen. Düsseldorf: Sauerländer 2004.
überleben! Ravensburg: Ravensburger 2005.
Aufmüpfige Geschichten. Ravensburg: Ravensburger 2006.
Die Meute. Ravensburg: Ravensburger 2006.
Die Räuberschule. Ravensburg: Ravensburger 2007.
Neues vom Räuber Grapsch. Illustriert von Dorota Wünsch. Ravensburg: Ravensburger 2008.
Die Schweinejagd. Ravensburg: Ravensburger: 2008.
Ein wunderbarer Vater. Düsseldorf: Sauerländer 2009.
Omi, liebe Omi. Illustriert von Stefanie Harjes. Ravensburg: Ravensburger 2010.
Die Oma im Drachenbauch und andere Omageschichten. Illustriert von Henning Löhlein. Hildesheim: Gerstenberg 2010.
Au revoir, bis nach dem Krieg. Hildesheim: Gerstenberg 2012.
Noch lange danach. Ravensburg: Ravensburger 2012.
Räuber Grapsch und die Piraten. Illustriert von Dorota Wünsch. Ravensburg: Ravensburger 2012.
Der Bankräuber am Kaffeetisch. Ravensburg: Ravensburger 2013.
Räuber Grapsch auf der Glücksinsel. Illustriert von Dorota Wünsch. Ravensburg: Ravensburger 2014.
Der einhändige Briefträger. Ravensburg: Ravensburger 2015.
Der rote Wassermann. Illustriert von Almut Kunert. Ravensburg: Ravensburger 2015.
Sie folgten einem hellen Stern. Illustriert von Ulises Wensell. Ravensburg: Ravensburger 2015.
So war es, als ich klein war. Ravensburg: Ravensburger 2016.
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