Herausragende Werke der Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet
Die Siegertitel des Deutschen Jugendliteraturpreises 2026 verbinden politische Themen mit ausdrucksvoller Erzählkraft. Mit dem Sonderpreis für das Gesamtwerk wird die Autorin Jutta Richter geehrt
Am 9. Oktober wurde auf der Frankfurter Buchmesse der Deutsche Jugendliteraturpreis 2026 verliehen. Die sieben Auszeichnungen, die mit insgesamt 72.000 Euro dotiert sind, wurden vergeben von der Staatssekretärin im Bundesjugendministerium Dr. Petra Bahr. Die Preisbücher sowie die Ansprachen des Abends machten deutlich, dass es aktuell – mehr denn je – eine mutige Kinder- und Jugendliteratur braucht.
„In einer Zeit, in der einfache Antworten attraktiv erscheinen, muss Literatur die Sehnsucht nach Eindeutigkeit nicht bedienen. Sie kann Mehrdeutigkeit und Widerspruch entgegensetzen – und jungen Leser:innen zeigen, dass nicht jede Frage nur eine Antwort hat und dass ein eigenes Urteil möglich ist. – Das gilt umso mehr jetzt, da politische Kräfte stärker werden, die Kunst undKultur inhaltlich festlegen und begrenzen wollen“, erklärte die stellvertretende Vorsitzende des Dachverbands Jugendliteratur Prof. Dr. Julia Abel in ihrer Eröffnungsrede.
Die Kritikerjury prämierte je einen Titel in den Sparten Bilder-, Kinder-, Jugend- und Sachbuch. Hier kommt ein T-Rex vor. Und das ist erst der Anfang! (Aladin) ist der Sieger im Bilderbuch. In einer fließenden Kombination aus Phantasie und Realität ermutigen die Autorin Julie Douine und die Illustratorin Noémie Favart ihre Leser:innen zu großen Träumen. Erzählt wird die Geschichte der kleinen Edith, die mit ihrem Vater Baschir in einem grauen Hochhausviertel lebt. Doch dank der Geschichten ihres Vaters entwickelt das Mädchen eine Vorstellung davon, was dort in früheren Zeiten einmal gewesen sein mag – und eine Vision davon, wie das Stadtviertel künftig sein könnte. Die Übersetzerin Anja Kootz nimmt den mündlichen Erzählgestus sensibel auf.
Als bestes Kinderbuch setzte sich Keine Party ist auch keine Lösung (Klett Kinderbuch) von Anna Maria Praßler durch. In diesem originellen Beispiel für Empowerment-Literatur plant die neunjährige Jagoda ihre Geburtstagsfeier. Das Problem: Sie lebt mit ihrer Mutter im Frauenhaus und darf aus Sicherheitsgründen ihre Adresse nicht preisgeben. Da nur noch vier Tage bis zur Party verbleiben, beginnt ein rasanter Vorbereitungscountdown. Schwungvoll und mit einer Prise feiner Ironie setzt Anna Maria Praßler ein Thema um, über das nicht nur kinderliterarisch zu viel geschwiegen wird. Die Illustrationen von Theresa Strozyk unterstreichen die Unbeschwertheit der Geschichte.
Im Jugendbuch überzeugte Das falsche Leben (Gerstenberg) von Maja Nielsen. Der hohe Innovationscharakter dieses, auf einer wahren Geschichte basierenden, Romans liegt in seinem Perspektivwechsel begründet: Der Protagonist Thomas wächst im Westdeutschland der 1970er Jahre auf – bis sein Vater als Spion der DDR enttarnt wird und die Familie nach Ostdeutschland fliehen muss. Fortan führt sie ein „falsches Leben“ mit Fahnenappell, Stasibespitzelung und Inhaftierung. Es wird deutlich, was es heißt, unter Unrecht und Willkür nicht den Mut zu verlieren. Und das sagt viel aus über die Bedeutung freiheitlicher Demokratie.
Vom Verschwinden von Menschen in Diktaturen und dem daraus resultierenden Schweigen erzählt der Gewinnertitel im Sachbuch. In ihrer Graphic Novel Schweigen (avant) verwebt die Künstlerin Birgit Weyhe das Schicksal zweier Frauen: die eine Opfer der NS-Zeit in Deutschland, die andere aktive Gegnerin der Militärdiktatur in Argentinien. Erzählt wird von Menschenrechtsverletzungen in ihrer politisch-gesellschaftlichen Dimension und zugleich von ganz individuellen Schmerzen. Dabei verbindet Birgit Weyhe in Wort und Bild historische Genauigkeit mit künstlerischer Reflexion.
Das Preisbuch der Jugendjury ist Badjens (Orlanda) der iranisch-französischen Autorin Delphine Minoui, in der Übersetzung von Astrid Bührle-Gallet. Es ist die Geschichte einer Rebellion. Im September 2022 geht die 16-jährige Badjens mit Tausenden anderen auf die Straße, um für „Frau, Leben, Freiheit!“ zu kämpfen. Die Autorin verdichtet das Leben ihrer Protagonistin zu einem bewegenden inneren Monolog, der eine enorme Wucht entfaltet. Zugleich ist der poetische Roman eine Hommage an Jina Mahsa Amini, deren Tod nach ihrer Festnahme durch die Sittenpolizei die Proteste in Teheran auslöste.
Der Sonderpreis Gesamtwerk geht an die Autorin Jutta Richter. Ihr vielseitiges Werk umfasst Gedichte und Bilderbuchtexte, realistische Kindheitsgeschichten bis hin zu phantastischen Erzählungen. Die Jury lobt sie als eine der „unverwechselbaren Stimmen der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur, die sich Beschönigungen und einfachen Lösungen verweigert. Denn Jutta Richter traut ihrer Leserschaft die Widersprüchlichkeiten dieser Welt zu, steht dabei aber immer auf der Seite der Kinder.“
Der Auszeichnung für das Gesamtwerk steht der Sonderpreis „Neue Talente“ gegenüber. Gewinnerin ist Franziska Hörner mit ihrem Coming-of-Age-Roman Und mir bleibt der hässliche Hund (Thienemann). In diesem Debüt erzählt sie die Geschichte des 16-jährigen Felix, der bei einem Autounfall seine ganze Familie verliert. Einzig der hässliche Bulldog-Mischling seiner Schwester überlebt. Bei aller Tragik des Sujets lobt die Sonderpreisjury die Leichtfüßigkeit des Romans sowie die authentische, tieftraurige und dennoch hoffnungsvolle Erzählweise.
Der Deutsche Jugendliteraturpreis wird seit 1956 für herausragende Kinder- und Jugendbücher vergeben. Stifter ist das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Ausrichter ist der Dachverband Jugendliteratur. Bis auf den mit 12.000 Euro dotierten Sonderpreis Gesamtwerk sind alle weiteren Auszeichnungen mit einem Preisgeld von je 10.000 Euro verbunden. Zudem erhalten alle Preisträger:innen eine Skulptur, die bronzene Momo.
Die Preisverleihung wurde unterstützt von der Frankfurter Buchmesse.
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Hinweis für die Medien:
Die Pressemappe zur Preisverleihung und Bildmaterial finden Sie im Pressebereich auf unserer Homepage. Für Hörfunkjournalist:innen steht dort auch ein Audiomitschnitt der Veranstaltung zur Verfügung (ab ca. 20.15 Uhr). Das Video der Preisverleihung kann weiterhin unter www.jugendliteratur.org abgerufen werden. Für Rückfragen und Interview-Wünsche mit den Preisträger:innen oder Jurymitgliedern können Sie uns gerne kontaktieren.
Mit freundlichen Grüßen
Bettina Neu & Daniela Höfele
Dachverband Jugendliteratur
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