Vom 26.08.2019
"Kein Kinderspiel!"

Ein einzigartiges Format feiert Jubiläum: 10 Jahre Übersetzungsförderung im Feld der Kinderliteratur

Teilen:

Am vergangenen Freitag ging in Hamburg die 10. Übersetzerwerkstatt "Kein Kinderspiel!" für professionelle Übersetzer deutschsprachiger Kinder- und Jugendliteratur zu Ende. Zu dieser Jubiläumswerkstatt vom 18. bis 23. August 2019 kamen 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 13 Ländern ins Hamburger Elsa-Brändström-Haus. Fünf Tage lang arbeiteten sie unter der Leitung von Regina Pantos und Tobias Scheffel an konkreten Textstellen und lernten über Begegnungen mit Autoren, Verlagsleuten, Kritikern und Leseförderern die deutschsprachige Jugendliteraturszene detaillierter kennen. Gefördert wird das Format von TOLEDO, einem Programm der Robert Bosch Stiftung und des Deutschen Übersetzerfonds. Ausgerichtet wird es vom Arbeitskreis für Jugendliteratur.

Kinder- und Jugendliteratur unterliegt eigenen Rahmenbedingungen, deshalb braucht sie eine eigene Übersetzungsförderung. Neben der literarischen Qualität muss sich das Genre am vorherrschenden Kindheitsbild, an Erziehungsidealen und den Vorstellungen vom Kindgemäßen messen lassen. Entsprechend ist Kinder- und Jugendliteratur – nicht nur – in der Übersetzung zum Teil massiven Anpassungen an eine Zielkultur und sogar der Zensur ausgesetzt.

Übersetzer von Kinder- und Jugendliteratur befinden sich im Spannungsfeld zwischen Texttreue, gesellschaftlichen Anforderungen und der Verständlichkeit für eine junge Zielgruppe. Es liegt in ihrer Hand, wie ein Text in der Zielsprache transportiert, wie er wahrgenommen und rezipiert wird. Eine große Verantwortung, die nicht nur hervorragende Sprachkenntnisse in der Herkunfts- und in der Zielsprache voraussetzt, sondern auch ein profundes Wissen über die entsprechenden Kulturräume. Bei "Kein Kinderspiel!" geht es darum, die Leistung der Übersetzer, die oft im Hintergrund agieren, sichtbar zu machen und zu würdigen. Denn:

Übersetzer sind Brückenbauer

Gerade für Kinder und Jugendliche ist es wichtig, über Geschichten aus anderen Ländern Zugang zu anderen Welten zu bekommen, andere Kulturen kennenzulernen und sie in Beziehung zu setzen zur eigenen Lebenswelt. Mit Literatur erwerben Kinder Weltwissen, entwickeln Weltoffenheit und Neugier. Das ist nicht nur ein wichtiger Teil der Persönlichkeitsentwicklung, sondern auch die Grundlage für ein faires und friedliches Zusammenleben in einer pluralen und globalisierten Gesellschaft.

Übersetzer sind Wegbereiter

Übersetzer kennen die Jugendbuchszene ihrer Zielsprache und haben gleichermaßen den Buchmarkt ihrer Ausgangssprache im Blick. Mit literarischem Feingefühl identifizieren sie Bücher, die für eine Übersetzung in Frage kommen oder erstellen Gutachten bzw. Probeübersetzungen dazu. Übersetzer sind Anwälte des Originals und der Intention des Autors verpflichtet, aber auch der jungen Zielgruppe ihres Landes. In einem sensiblen Balanceakt ringen sie um Übersetzungslösungen, die beiden Anforderungen gerecht werden.

Übersetzen ist keine Einbahnstraße

Jedes Jahr erscheinen in Deutschland 8.807 neue Kinder- und Jugendbücher. 19,8% (bzw. 1743 Titel) sind Übersetzungen aus anderen Sprachen. Von den deutschen Originalausgaben, die ihrerseits ihren Weg in andere Sprachen und Länder antreten, wurden 2.886 Lizenzen verkauft. Das von dem Literaturtheoretiker Paul Hazard 1932 postulierte ausgewogene "Geben und Nehmen" allerdings bleibt Utopie. Weltweit dominieren bei den Übersetzungen aus anderen Sprachen Bücher aus den USA und Nordwesteuropa. (Quelle: Börsenverein des Deutschen Buchhandels, aus: Buch und Buchhandel in Zahlen 2019)

Das Anliegen der Werkstatt "Kein Kinderspiel!" ist es daher

  • die Kunst des Übersetzens und die Rolle der Übersetzer als Mittler zwischen den Kulturen stärker sichtbar zu machen,
  • zum Austausch und zur Vernetzung zwischen Übersetzern sowie zur Völkerverständigung beizutragen,
  • auch "kleinere Sprachen" und weniger nahe liegende Literaturen in den Blick zu nehmen und
  • Übersetzungsvorhaben aus dem Deutschen anzuregen.

In den letzten zehn Jahren haben 135 Übersetzerinnen und Übersetzer aus 48 Ländern mit über 50 Zielsprachen, von Afrikaans bis Weißrussisch, an der Werkstatt teilgenommen. Neben einem breiten internationalen Netzwerk sind auch konkrete Übersetzungsprojekte die Folge. So liegen nun z.B. Isabel Abedis Whisper auf Persisch, Kirsten Boies Ritter Trenk auf Chinesisch, Stefanie Taschinskis Kleine Dame auf Polnisch oder Finn-Ole Heinrichs Maulina auf Französisch und Tschechisch vor.

Isabel Abedi (re.) mit der iranischen Whisper-Übersetzerin Elham Moghadas (© Martin Jäschke)

Minya Lin (re.) übertrug Kirsten Boies Ritter Trenk ins Chinesische (© Martin Jäschke)

Dank Monika Michalowska (re.) gibt es Stefanie Taschinskis Kleine Dame auch auf Polnisch (© Martin Jäschke)

Tobias Scheffel (re.) moderierte ein Podium zu den Rahmenbedingungen des Übersetzens (© Martin Jäschke)

Zum Werkstattabschluss wurden diese Erfolge bei einem Jubiläumsempfang gefeiert. Mit Lesungen dabei waren auch die Hamburger Autoren Isabel Abedi, Kirsten Boie, Nils Mohl und Stefanie Taschinski. Übersetzerinnen und Übersetzer gaben bei einem Podiumsgespräch Einblick in ihre Arbeit und die Rahmenbedingungen in verschiedenen Ländern.

 

Ausgerichtet vom:

Gefördert von:

 

 

 

Wir freuen uns über eine Meldung in Ihrem Medium. Für Rückfragen stehen wir gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
Bettina Neu

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Arbeitskreis für Jugendliteratur
Tel. (089) 45 80 80 87
presse@jugendliteratur.org
www.jugendliteratur.org

Warenkorb

Es befinden sich keine Artikel in Ihrem Warenkorb